Freitag, 10. September 2021

Backpacking auf Malta: nordafrikanisches Klima meets südeuropäische Lebensart


Auf der Suche nach einem kurzzeitigen Ausweg aus dem deutschen Regensommer 2021, recherchierte ich mich durch europäische Reiseziele, die trotz Pandemie relativ einfach zu bereisen sind und gleichzeitig ein gutes Gefühl von "Fremde" in mir erzeugen können, da Fernreisen auch in diesem Jahr nicht möglich sind und ich dringend einen Tapetenwechel benötigte.

Mit Malta hatte ich mich zuvor nie auseinandergesetzt und so fiel meine Wahl auf den kleinen Mittelmeer-Archipel bestehend aus der Hauptinsel Malta , der kleinen Schwesterinsel Gozo und dem nahezu unbewohnten Comino (offiziell leben hier dauerhaft nur drei Menschen). Der Inselstaat Malta liegt 81km südlich von Sizilien und damit auch in unmittelbarer Nähe zum afrikanischen Festland, was sich im subtropischen, trockenen Mittelmeerklima zeigt. Ich komme mit Hitze sehr gut klar, daher hat mich auch eine Malta-Reise im Hochsommer nicht abgeschreckt. 

Typische Tür auf Malta

Zum Backpacking auf Malta habe ich (verglichen mit Zielen wie Südostasien) erstaunlich wenig Informationen gefunden; es scheint keine Top-10-Backpacking-Destination zu sein, aber individuelles Reisen mit kleinem Geldbeutel ist hier mit etwas Vorplanung absolut möglich. Ich denke, Malta ist einfach zu unbekannt unter diesem Aspekt, denn aus meiner Sicht ist es nahezu perfekt für Backpacking in Europa. Folgendes spricht (neben den kulturellen Vorzügen des Landes) für einen Backpacking-Trip nach Malta:

- Günstige Fortbewegung und kurze Wege

- Charmante Hostels, Homestays und AirBnB's

- Preiswert Essen & Trinken

- Viele kostenlose Aktivitäten, z.B. wandern in atemberaubender Natur

Die Anreise auf Malta erfolgt entweder via Direktflug aus vielen deutschen Städten oder ist per Fähre von Sizilien aus möglich, wenn man seine Malta-Reise mit Italien verbinden und Flugmeilen reduzieren möchte. Ich bin mit Air Malta vom Flughafen Düsseldorf aus geflogen, der Flug dauert keine 3 Stunden.
Der große Vorteil von Malta ist seine geringe Größe, hierdurch erübrigt sich u.A. das Problem, welches man bei der Ankunft an einem Flughafen immer hat: "Und wie komme ich jetzt zu meiner Unterkunft?" Diese liegt schlimmstenfalls nämlich dutzende Kilometer weit entfernt vom Flughafen. Das passiert einem auf Malta nicht, die Insel ist nur wenige Kilometer lang und der Flughafen von jedem Ort  in max. 20 Minuten zu erreichen. Wenn du keinen Transfer mit deiner Unterkunft ausgemacht hast, kannst du dir ein eCab nehmen, die sind wesentlich günstiger als die normalen weißen Taxis und du kannst sie dir einfach über die eCab-App bestellen. Dank Standortermittlung holt dich das eCab einfach dort ab wo du gerade stehst, eine Adresseingabe ist nicht notwendig - nur deine Zieladresse solltest du kennen, hierfür reicht in der App aber auch die Eingabe des Namens deiner Unterkunft - super easy also!
Wenn dir das noch zu teuer ist, kannst du am Flughafen auch einfach in den Bus steigen; es fahren mehrere Linien zu nahezu jedem Ort. Busfahren ist auf Malta besser als in jedem anderen Land das ich kenne (einschließlich Deutschland). Es gibt unheimlich viele gut organisiert und getaktete Verbindungen, sehr viele Direktlinien, die zahlreiche Ort ohne Umstieg anfahren und es ist wahnsinnig preiswert (eine einfache Fahrt kostet 2 EUR, egal wohin).Wenn du dich auf Malta mit dem Bus fortbewegen möchtest, solltest du dir die Tallinja-App aufs Smartphone laden, sie zeigt dir über die Standortermittlung immer die nächsten Bushaltestellen im Umkreis, inkl. der dort abfahrenden Linien und ihrer Zeiten an. Wenn du ein paar Tage auf Malta unterwegs sein wirst, kannst du dir auch eine ExploreCard holen, damit sparst du nochmal Geld. Es gibt verschiedene Varianten, ich hatte die 7-Tages-Karte für 21 EUR, mit der ich unbegrenzt fahren konnte. Die Karten gibt es an jedem Busbahnhof zu kaufen und so einen hats praktisch in jeder Stadt.

Unterkünfte gibt es auf Malta zahlreich und in jeder Kategorie und Preisklasse. Vom Luxus-Spa-Resort über All-Inclusive-Ballerburg bis zu einfachen Hostels ist wirklich alles dabei. Ich buche immer über Booking.com oder AirBnB und mag auf Reisen eine Mischung aus sozialen Hostels, privaten Homestays und Bed & Breakfast. Für Malta und Gozo kann ich drei Unterkünfte von Herzen empfehlen:

Balluta Bay, St. Julians's 

1. Inhawi Hostel, St. Julian's (Malta)
Ein sehr schönes Hostel mit Pool in perfekter -aber ruhiger- Lage fußläufig zum kleinen Sandstrand Balluta Bay. Das Frühstück ist inklusive und das Bett im 12er-Schlafsaal gibt es ab 11 EUR pro Nacht, ein Einzel- bzw. Doppelzimmer mit eigenem Bad schon ab 33 EUR pro Nacht. Der Staff ist wahrnsinnig nett und hilfsbereit, das ganze Haus sauber und sehr gut ausgestattet (Gemeinschaftsräume, Co-Working-Area, ausgezeichnetes WiFi, Küche, Kaffee- und Snackautomaten, Garten mit Hängematten und tolle Pool-Area). Auch die nächste Bushaltestelle ist nur einen Steinwurf entfernt; von hier aus lassen sich Ausflüge oder Spaziergänge an der Promenade sehr gut unternehmen. Spinola Bay mit seinen vielen guten Restaurants ist ebenfalls fußläufig erreichbar. Ebenso wie das Ausgehviertel Paceville.



Hafen von Marsaxlokk

 2. Mangion House, Marsaxlokk (Malta)
Da der Fischerort Marsaxlokk bei einer Malta-Reise keinesfalls fehlen darf, sollte man hier unbedingt ein paar Nächte einplanen. Das Homestay von Host Salvu Mangion hat mir besonders gut gefallen. Hier wohnt man in unmittelbarer Nähe zum malerischen Hafen und Strand zusammen mit dem Gastgeber in seiner gemütlichen Wohnung mit Dachterasse. Salvu hat viele Jahre im Ruhrgebiet gelebt und spricht fließend deutsch, englisch und maltesisch und ist einer der besten Gastgeber, die ich auf Reisen je hatte. Hier kommt man als Fremder und geht als Freund! Es gibt ein sehr gutes inkludiertes Frühstück, WiFi, Airport-Transfer, geräumige Zimmer mit Aussicht und natürlich Salvus charmante Gesellschaft wenn man möchte - er zeigt dir sein Marsaxlokk und Malta, kennt die Insel wie seine Westentasche und erzählt und zeigt dir auch Dinge die in keinem Reisenführer stehen. 

Das Zimmer gibt es hier schon ab 56 EUR die Nacht über Booking.com. Der Host kann aber für individuelle Absprachen/Buchungen auch direkt kontaktiert werden: +356 99368896 (Mobile/WhatsApp) oder salvumangion47@gmail.com

La Gozitaine, Blick von der Dachterasse
 

3. La Gozitaine, Kercem (Gozo)
Wer zentral zu Gozos Hauptstadt Victoria aber dennoch ruhig und ausgesprochen schön wohnen möchte, ist im Bed & Breakfast "La Gozitaine" perfekt aufgehoben. Das liebevoll geführte Haus der beiden Gastgeber Valerie und Jean-Pierre, die dort auch selber wohnen, hat nur 4 Zimmer und jedes ist wunderschön und außergewöhnlich eingerichtet. Das romantische Gebäude ist über 400 Jahre alt und Spuren seiner Geschichte sind überall zu erkennen; ich habe die Zeitreise geliebt als ich hier gewohnt habe. Durch die verwinkelte, maltesische Bauweise gibt es mehrere kleine Dachterassen, von denen aus man den Sonnenuntergang beobachten kann. Valerie zaubert ein tolles, gesundes Frühstück und bietet auch täglich ein frisches, selbstgekochtes 3-Gang-Abendessen für nur 20 EUR an; alle begleitenden Getränke sind for free. Die Zimmer werden täglich gereinigt, es gibt frisches Wasser, Tee, Kaffee und einen Wasserkocher auf dem Zimmer. Die Pool-Area verfügt über Liegen, Schirme und einen Jacuzzi. Eine ganz tolle Unterkunft bei sehr lieben Menschen! Das La Gozitaine erfordert für eine Buchung eine Mindesaufenthaltsdauer von 3 Nächten und das Doppelzimmer ist ab 180 EUR zu bekommen. Da es nur vier Zimmer gibt, sollte man hier frühzeitig buchen.

Besonders gespannt bin ich immer auf die landestypische Küche eines Ortes an dem ich vorher noch nicht war und natürlich hatte ich mich im Vorfeld erkundigt was es auf Malta so für Leckererein gibt. Die maltesische Küche hat deutliche italienische und arabische Einflüsse; auch die Briten haben hier ihre Spuren hinterlassen. Typisch maltesisch und zudem sehr lecker, günstig und an jeder Ecke zu bekommen sind Pastizzi.

Pastizzi mit Ricotta

Das sind kleine Blätterteigteilchen, die traditionell mit Ricotta oder gestampften Erbsen gefüllt werden, es gibt sie aber auch mit Hühnchen. Man bekommt sie zum Frühstück in fast jedem Lokal, in den zahlreichen Pastizzerias sind sie aber den ganzen Tag über zu bekommen und kosten meist zwischen 25 und 50 Cent das Stück.  Sie werden i.d.R. aber morgens frisch gebacken und schmecken dann am besten. Das maltesische Frühstück besteht meist nur aus einem Cappucino und einem Pastizzi oder einem süßen Teilchen und kostet zusammen oft nicht mehr als 2 Euro. Man bekommt aber auch fast überall ein klassisches, deftiges English Breakfast.

Das Essen in den Restaurants ist preislich ähnlich wie in Deutschland; Pizza und Pasta sind jedoch etwas günstiger als hier. Fangfrischer Fisch ist in Restaurants überraschend teuer, was mich sehr gewundert hat, weil es hier sehr viel traditionellen Fischfang gibt und das oft bedeutet, dass Seafood günstig angeboten wird. Probieren solltest du dennoch unbedingt "Lampuki" (Goldmakrele), das ist der Nationalfisch Maltas und man bekommt ihn nur zu einer bestimmten Zeit im Jahr (August - Dezember), weil die Schwärme dann auf ihrem Weg zum Atlantik an Malta vorbeikommen und die Fische dann genau die richtige Größe haben.

Cappucchino & maltesische Patisserie
Das maltesische Nationalgericht ist Fenek (Kaninchen); man isst es als Schmorgericht, aber es gibt auch Pasta-Varianten, z.B. eine Art Bolognese (al Ragu) mit gezupftem Kaninchenfleisch - sehr lecker!
Was wirklich günstig ist, sind Getränke. Einen Cappucino gibt es ab 1,80 EUR, ein lokales Bier ab 1,50 EUR. Unbedingt probieren: Maltas Kult-Limonade "Kinnie" - eine bessere Erfrischung an heißen Tagen gibt es für mich nicht. Es ist eine Limonade aus Orangen und Kräutern und schmeckt wie eine Mischung aus Aperol und Almdudler finde ich; nicht zu süß und ganz ganz leicht bitter.

Ebenfalls hier hergestellt wird ein spezieller, sehr aromatischer Ziegenkäse. Es gibt mangels Weideland nicht viel Viehwirtschaft auf Malta und Gozo, daher werden Kuhmilchprodukte eher importiert. Aber den typischen Ziegenkäse produziert auf Malta praktisch jeder der eine Ziege hat und man kann ihn ganz authentisch in den vielen kleinen Büdchen überall kaufen, die auch Obst und Gemüse anbieten. Hauptsächlich gibt es ihn in zwei Varianten zu kaufen; pur oder in Essig und Pfeffer eingelegt. Ich mag den puren am liebsten, er ist milder. Es ist ein fester Käse, da er getrocknet wird, aber im Kühlregal gibt es auch eine cremige Variante. Ich empfehle in einem traditionellen maltesischen Restaurant eine "Maltese Platter" zu bestellen, eine Platte (ähnlich wie Antipasti) mit landestypischen Spezialitäten wie Käse, Wurst, getrockneten Tomaten, Pasten, Oliven, etc. Alles vor Ort produziert.

Gassen in Valletta
Der letzte Punkt, der Malta für mich zu einem perfekten Ziel für Individualreisen macht, ist die Vielzahl an Aktivitäten, die man hier kostenlos ausüben kann. Die Städtchen sind wunderschön und
z.B. durch die Gassen von Mdina oder Valletta zu flanieren, ist wie ein Besuch in einem kostenlosen Open-Air-Museum. Dazu kommt die atemberaubende Natur, besonders an den Küsten. Malta und Gozo sind durch ein dichtes Netz an Wanderwegen erschlossen und bieten Routen in unterschiedlicher Schwierigkeit. Ich bin einen großen Teil des Gozo Coastal Walk gegangen; hierzu wird es noch einen gesonderten Post geben.
Das kristallklare Wasser mit dem großen Artenreichtum bietet zudem ein tolles Schnorchelerlebnis - Malta ist auch ein Hotspot für Taucher, falls dich so etwas interessiert. Ich war mit Kamera, Taucherbrille und Wanderschuhen allerdings schon gut genug ausgerüstet um jeden Tag etwas zu tun zu haben.


Natürlich gibt es auch Sehenswürdigkeiten und Aktivitäten, die Eintrittspreise verlangen, z.B die Tempelanlagen in Tarxien und Co. oder Bootstouren zur Blue Lagoon auf Comino. Aber auch das ist alles nicht überteuert und lohnt einen Besuch.
Mein persönliches Highlight war definitiv die Stadt Mdina, die nicht nur einer der Drehorte der Serie Game of Thrones war, sondern auch einfach nur wunderschön ist und zusammen mit ihrer Zwillingsstadt Rabat perfekt für einen Tagesausflug ist. Auch Valletta hat mir unglaublich gut gefallen, allein für diese Stadt kann man schon mehrere Tage einplanen.

 



Mdina - die stille Stadt

Mein Fazit:
Malta ist ein absolut unterschätztes Reiseland, welches viele vielleicht aufgrund seiner geringen Größe, nicht auf dem Radar haben. Hier kann man jede Art von Urlaub machen - sei es allein mit dem Backpack oder als Familie im gehobenen Resort. Nur etwas Vorplanung sollte man einkalkulieren, da es gerade in der Hauptsaison vor Ort knapp werden könnte mit den verfügbaren Unterkünften - Wobei ich das jetzt im Nachhinein auch nicht mehr ganz so kritisch sehe wie vorher.
Mit Englisch kommt man überall dort zurecht, da dies neben dem Maltesischen die zweite Landessprache ist. Die Infrstruktur ist super - insbesondere der Ausbau des öffentlichen Nahverkehrs. Essen und Trinken sind preislich insgesamt eher günstig bis moderat und bieten ein breites Spektrum - viele Lokale haben auch vegane Optionen.
Als alleinreisende Frau habe ich mich jederzeit sicher und gut aufgehoben gefühlt; ich wurde nur einmal angesprochen und das war abends am Busbahnhof in Valletta - das wäre allerdings am Hauptbahnhof Dortmund wahrscheinlich genauso passiert. Aber aufdringlich war niemand - ganz im Gegenteil: ich habe die Einheimischen als sehr freundlich, höflich, aufgeschlossen und gastfreundlich erlebt.

Schwimmen im kristallklaren Meer


Aufgrund seines milden Klimas ist Malta das ganze Jahr zu bereisen, ab Oktober purzeln zudem die Preise für die Unterkünfte, weil dann die Hauptsaison zuende ist - warm genug zum baden ist es dann aber immernoch. Es regnet fast nie und meistens nur im Winter, also hat man eigentlich eine Schönwetter-Garantie.

Malta und Gozo sollten auf deiner Bucketlist also auf keinen Fall fehlen!


P.S. Reiseadapter nicht vergessen! In Malta werden Steckdosen britischen Standards verbaut.


Dienstag, 18. Februar 2020

How to pack my back - nachhaltiger und mit leichterem Gepäck reisen

Fernreisen und Nachhaltigkeit - das sind angesichts der langen Strecken, die mit dem Flugzeug zurückgelegt werden, zwei Themen die sich per se nicht so gut miteinander vereinbaren lassen. 

Ich denke viel darüber nach, was ich eigentlich der Umwelt durch diese Reisen antue und ich bin im Zwiespalt - auf der einen Seite will ich die Welt sehen und dafür benötige ich nunmal Flüge, aber auf der anderen Seite, will ich meinen ökologischen Fußabdruck so klein wie möglich halten. So habe ich für mich den Weg gewählt, dass ich zumindest keinen Müll in ein Land reinbringe, wenn ich ihn auch vermeiden kann.

Der zweite Punkt ist, dass ich mit dem Rucksack unterwegs bin und den trage ich auf meinem Rücken - ich habe also kein Interesse daran, dass das Ding schwerer ist als unbedingt nötig.

Wenn ich an meine erste Rucksackreise zurückdenke, kann ich nur noch mit dem Kopf schütteln über das was ich alles mitgeschleppt habe. Ich meine, ich hatte ein Glätteisen dabei. Ein Glätteisen für Thailand, ein Land dessen Luftfeuchtigkeit jeglichen Versuch einer Frisur zunichte macht. Glaubt mir einfach wenn ich sage, dass ihr das Teil zuhause lassen könnt.

Ich möchte euch hier also ein paar Hack verraten, wie ihr in eurem Rucksack Platz und Gewicht sparen könnt und gleichzeitig auch noch etwas für Nachhaltigkeit und Müllvermeidung tut. Die Tipps gelten sicher nicht für jedes Land der Welt aber für Südostasien, und insbesondere Thailand seid ihr damit bestens gerüstet:


Hack 1
Das ist der einfachste und naheliegenste Tipp: Nehmt nur das Nötigste an Kleidung und Ausrüstung mit. Wenn ihr in Asien unterwegs seid - insbesondere Thailand- habt ihr an jeder Ecke die Möglichkeit, für kleines Geld eure Kleidung waschen, trocknen und bügeln zu lassen. Ihr gebt eure schmutzige Wäsche ab und bekommt sie i.d.R spätestens am nächsten Tag zurück. Das Ganze kostet je nach Region zwischen 20 und 40 Baht pro Kilo, also umgerechnet etwa 50 Cent  bis 1 Euro. Ihr braucht also nicht Kleidung für 3 Wochen mitzunehmen, es reicht vollkommen, euch für eine Woche auszustatten und dann zwischendurch zu waschen. Außerdem unterstützt ihr damit die lokalen Geschäfte und kommt in Kontakt mit den freundlichen Einheimischen. Ihr müsst dafür auch überhaupt nicht perfekt Englisch sprechen; die Inhaber der Wäschereien wissen bestens Bescheid, selbst wenn ihr einfach nur wortlos eure Tüte mit Wäsche übergebt. Ein freundliches Lächeln reicht vollkommen, also keine Scheu.


Hack 2
Buy local. Ich nehme nur sehr wenige Produkte aus Deutschland mit, wenn ich nach Asien reise, da es dort sowieso alles im 7/11-Supermarkt zu kaufen gibt. Das Einzige was ich niemals in Asien kaufe ist Sonnenschutz, denn der wird dort auch importiert (z.B. Produkte von NIVEA) und ist wahnsinnig teuer. Die einheimischen Produkte enthalten oft Bleiche, da weiße Haut in großen Teilen Asiens zum Schönheitsideal gehört. Wir Europäer wollen aber braun werden - etwas das z.B. die Thais überhaupt nicht nachvollziehen können :D Also Finger weg von einheimischen Produkten wie Sonnenschutz oder Gesichtscremes. Mittel mit Bleiche erkennst du beispielsweise an Aufdrucken wie "Snail White".

Zwei lokale thailändische Produkte kann ich aber in Sachen Hautpflege (besonders nach dem Sonnenbad) total empfehlen: hausgemachtes Kokosöl und Aloe-Vera-Gel. Kokosöl wird von vielen Locals selber hergestellt und in kleinen Fläschchen am Straßenrand und auf Märkten verkauft; oft in recycelten Red-Bull-Flaschen. Es kostet nur ein paar Cent und ist von sehr hoher hoher Qualität, da es rein natürlich hergestellt wird. Das Aloe-Vera-Gel kann man im 7/11 kaufen, es ist ebenfalls 100% natürlich und wird in einer grünen Dose verkauft. Mehr als diese beiden Produkte braucht ihr eigentlich nicht für die after Sun Pflege.

Mückenschutz könnt ihr auch bedenkenlos vor Ort kaufen. Es ist wesentlich günstiger als in Deutschland und hat sogar oft noch einen höheren Deet-Anteil, also besseren Schutz gegen Moskitos. Den solltet ihr auch ernst nehmen, denn noch weniger als Malaria wollt ihr Dengue-Fieber haben!

Was eure Reiseapotheke betrifft, kann ich euch sagen, dass ihr Paracetamol/Ibuprofen und diverse Elektrolyte frei im Supermarkt vor Ort kaufen könnt und auch Breitband-Antibiotika rezeptfrei in jeder Apotheke bekommt. 

 

Hack 3
Einwegprodukte vermeiden. Gerade im kosmetischen und hygienischen Bereich verwenden wir täglich viele Einwegprodukte, die sich problemlos durch nachhaltige Mehrweg-Alternativen ersetzen lassen. Einwegprodukte sind teurer, produzieren Müll und nehmen viel Platz im Rucksack weg. 

Meine TOP 3 der nachhaltigen Produkte:

- Gesichtsschwämmchen und -seife statt Wattepads und Abschminktücher
- Menstruationstasse statt Tampons
- LastSwab statt Q-Tips

 

Hack 4
Die leichtere Alternative wählen. Am besten spart man Platz und Gewicht, wenn man auf Produkte ohne große Umverpackung umsteigt. Und auf feste statt flüssige Produkte. Besonders nahelegen möchte ich euch feste Duschgels, Shampoos, Conditioner und Gesichtsseifen. Als Gesichtsseife benutze ich immer die Olivenseife aus dem dm und als festes Shampoo/Conditioner kann ich euch die Produkte von Ben&Anna empfehlen.


Ein Shampoo wiegt nur 60 Gramm, damit habt ihr einiges an Platz und Gewicht gespart. Ihr könnt sie online bestellen oder in Denn's Bio Supermarkt kaufen. Ich packe immer alle meine Seifen etc. zusammen in eine kleine Tupperdose und meist passt auch noch ein kleines Waschläppchen mit rein, so habe ich sie möglichst kompakt und platzsparend im Rucksack verstaut.

Ebenfalls super finde ich die Zahnpasta-Tabs von Lush. Der Vorteil (wie von allen festen Produkten) ist, dass euch kein Missgeschick im Rucksack passieren kann. Wem schonmal etwas ausgelaufen ist, weiß wovon ich spreche. Außerdem könnt ihr die Tabs sogar für die geplanten Reisetage abzählen und genau die Menge mitnehmen wenn ihr wollt. Ansonsten wiegt die ganze Flasche Tabs aber auch insgesamt nur 50 Gramm. Trockene Zahnpasta ist erstmal ungewohnt, aber ich schwöre dtrauf - gebt ihr eine Chance! Meine Lieblingssorte ist BOOM! - die schmecken nach Cola und Zitrone und machen außerdem durch Aktivkohle auf natürliche Weise die Zähne weiß.




Hack 5
Microfaser!!! Wenn ihr auch zu den Leuten gehört, die nie ohne eigenes Handtuch verreisen, dann spart euch wenigstens das schwere und langsam trocknende Frottee-Tuch und legt euch eins aus Microfaser zu. Ein mittelgroßes reicht, denn selbst die billigsten Hostels auf der Welt stellen euch frische Handtücher zur Verfügung, ihr braucht ein eigenes hächstens dafür um es mit zum Strand zu nehmen und mit einem Microfaser-Handtuch seid ihr besser dran als mit einem aus Frottee. Es lässt sich kleiner und leichter falten, Sand hängt nicht so drin fest und es trocknet schneller. Ich habe eines von Decathlon, was mich auf Reisen zuverlässig begleitet.

Aus Microfaser sind auch einige meiner Kleidungsstücke, das hat sich besonders beim Trekking mit hohen Temperaturen und hoher Luftfeuchtigkeit bewährt.

Hack 6
Vermeidet Unnötiges. Das ist leichter gesagt als getan, denn um zu wissen, was unnötig ist, muss man erstmal die Erfahrung vor Ort gemacht haben und sehen was man alles nicht gebraucht hat. Nach meiner ersten Thailand-Reise habe ich festgestellt, dass ich die Hälfte von dem was ich mitgenommen hatte, gar nicht gebraucht habe. Entweder weil es fehl am Platz war oder weil es vor Ort bessere Alternativen gab. Zu den Dingen die ich niemals (wieder) mitnehmen würde gehören: Glätteisen, Reisefön, Trinkflasche (in Länder wo man das Wasser aus der Leitung eh nicht trinken kann), Handtücher, Abendgarderobe, Spiegelreflexkamera (außer du bist Profifotograf*in, ansonsten tuts auch ein gutes Handy + Software/ zum Thema Reisefotografie mache ich noch einen separaten Post), Unmengen an Kleidung und Kosmetik, Bettwäsche...Ja, mir sind auf Reisen Menschen begegnet, die eine eigene Garnitur Bettwäsche dabei hatten, weil sie dachten, es gäbe vor Ort keine.

Hack 7
Achtsamkeit und Langsamkeit. Der letzte Hack bezieht sich auf das Reisen vor Ort. Nutzt -wenn möglich- lokale Fortbewegungsmittel wie Sammeltaxis oder geht gleich zu Fuß. Ihr werdet nicht nur mehr von der Gegend sehen, sondern spart auch Geld und schont die Umwelt, wenn nicht für jeden Weg ein eigenes Taxi oder gar der Mietwagen genommen wird. Wenn ich auf Koh Phangan bin, miete ich zum Beispiel keinen Roller mehr, sondern ein Montainbike - es fahren dort wirklich genug Roller herum, da muss ich nicht mitmachen. Es ist Urlaub und keine Flucht und es ist in Ordnung wenn ich für den Weg ins Dorf 15 Minuten statt 5 brauche. Ansonsten ist auf dem thailändischen Festland und insbesondere in Bangkok die App Grab eine super Alternative zum Taxi und TukTuk, da es euch auch vor Abzocke und Betrug schützt und die Fahrten günstiger sind.

Ich nutze auf meinen Reisen übrigens zudem immer die kostenlose Kreditkarte von der DKB, mit der man sehr unkompliziert überall Bargeld abheben kann.

Montag, 12. August 2019

Backpacking - eine Glaubensfrage?

Backpacking ist mehr als nur das Reisen mit einem Rucksack. Wenn man 100 Backpacker fragt, wird man wahrscheinlich 100 verschiedene Antworten auf die Frage bekommen, was Backpacking eigentlich ausmacht und ab wann man sich als Backpacker bezeichnen "darf". Ja, es scheint fast eine Glaubensfrage zu sein.

Ich habe natürlich auch meine eigene Meinung dazu und dies ist der Versuch, den Themenkomplex "Backpacking" ein Stück weit zu entmystifizieren. Man muss weder Mitte 20, noch ein Hippie oder Aussteiger sein, um das Abenteuer Backpacking zu wagen.

Wie der Name sagt, geht es offenbar um das Reisen mit Rucksack. Reisen mit Koffer kann also de facto kein Backpacking sein. Aber Backpacking ist auch eine Lebenseinstellung, es geht um Entschleunigung, Mobilität, Abenteuerlust, die kleinen Dinge, den Verzicht auf unnötigen Luxus und um Freiheit. Geht das nicht auch mit einem Koffer? Ich habe auf meinen Reisen viele Menschen getroffen, die das wehement mit Nein beantworten würden. Ich sehe das inzwischen etwas differenzierter. Meine ersten beiden großen Fernreisen habe ich im Reisebüro gebucht und mit Koffer bestritten - Backpacking war damals überhaupt noch kein Thema für mich. Rückblickend würde ich heute aber sagen, dass ich unbewusst schon sehr viele grundlegende Backpacking-Aspekte erfüllt habe, einfach durch die Art wie ich intuitiv gereist bin.

Meine erste Reise führte mich 2014 im Alter von 31 Jahren nach Neuseeland. Heute bezeichne ich dies als meine erste "richtige" Reise, denn erstmals war ich als Erwachsene allein außerhalb von Europa. So weit weg war ich zuvor noch nie. Ich packte also einen riesigen Koffer (einen Backpack hatte ich damals noch nicht) und flog nach Auckland, wo ich einen Bekannten meines Bruders traf, der mich auf der Reise begleiten sollte.
Die erste Nacht verbrachten wir im Hostel, am nächsten Tag holten wir unseren Campervan von Travellers Autobarn ab und dann gings auch schon los. Weder Instagram noch der inzwischen sehr populäre Hashtag #vanlife waren damals ein Ding und dennoch haben wir genau das getan.
Wir fuhren also los, orientierten uns vage an der Küstenlinie, hielten immer wieder mal an, wenn wir etwas Spannendes sahen und blieben mal eine und mal zwei Nächte an einem Ort.

Eine festgelegte Etappe gab es im Vorfeld nur ganz grob - wir entschieden jeden Tag spontan wie weit wir fahren und wo wir übernachten würden. Von komfortablen Holiday Parks bis zu verlassenen Campingplätzen ohne Strom, fließend Wasser (Plumsklo lässt grüßen) und anderen Menschen war alles dabei. Nach fast 4 Wochen, unzähligen eiskalten Duschen, durchgefrorenen Nächten (es war Frühlingsanfang in Neuseeland), sehr viel Landschaft, zeitweise sehr wenig Kontakt mit der Zivilisation und jedem nur erdenklichen Wetter hatten wir die Nordinsel einmal umrundet.

Mein Fazit dieser Reise war, dass ich mit sehr wenigen Dingen sehr gut klarkommen kann. Verzicht auf Komfort und Luxus war überhaupt kein Problem für mich. Mein Koffer war wie ein mobiler Kleiderschrank, er lag die ganze Zeit im Van und wurde nie von A nach B bewegt - ein Rucksack hätte das gleiche Schicksal gehabt, also wo lag der Unterschied zum Backpacking? Aus meiner heutigen Sicht gibt es keinen, wenn man den ideologischen Ansatz der Freiheit und Mobilität wählt.

Der Grundstein war nach Neuseeland gelegt und so kam es für mich auch bei meiner zweiten "richtigen" Reise nicht in Frage, die gesamte Zeit an einem Ort oder gar in einem einzigen Resort zu bleiben. Sie führte mich 2017 nach Thailand. Im Übrigen der Anfang einer großen Liebe zu diesem Land, worüber ich zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlicher berichten werde.
Auch diese Reise habe ich aber im Reisebüro gebucht, ich war noch nicht so weit alles selber zu organisieren und wusste auch noch nicht, wie einfach es tatsächlich ist. Die Umstände vor Ort belehrten mich aber schnell eines Besseren.
Mein Ziel war Koh Samui, hier wollte ich 2 Nächte bleiben und dann nach Koh Phangan rüber, von wo aus ich dann auch Koh Tao erkunden wollte. Flüge, Transfer, Fähre und Unterkünfte buchte ich im Vorfeld für die gesamte Reise. Ich reiste allein, knüpfte aber vorher über eine Facebook-Gruppe Kontakte zu einigen anderen Leuten, die zur gleichen Zeit dort waren und mit denen ich mich dort treffen wollte.
Schon als ich auf Koh Samui ankam und mein Transferfahrer mit einem Schild auf dem mein Name stand, vor dem Flughafen auf mich wartete, fühlte sich das alles irgendwie völlig falsch an. Vor, hinter und neben mir verließen lauter fröhliche, sympathisch wirkende Menschen mit großen Rucksäcken den Flughafen; sie machten sich zu Fuß auf den Weg oder winkten sich Taxis heran. Außer mir zogen nur ältere Ehepaare, alleinreisende Männer mittleren Alters (*hust hust*) und Familien ihre Koffer in Richtung Shuttle-Transfer. Irgendwie kam ich mir total komisch vor; spießig und als hätte ich keine Ahnung was ich hier eigentlich tue.
Nachdem mich der Fahrer nach nichtmal 10 Minuten Fahrt an meiner Unterkunft absetzte war mir dann auch klar, dass ich mir diesen vorgeplanten Teil der Anreise hätte sparen können.
Die Unterkunft gefiel mir, auch wenn alles anders war als ich es mir vorgestellt hatte. Es war einfach - wie vieles in Thailand, mein Zimmer war schlicht, die Klimaanlage tropfte, aber ich hatte eine kleine Veranda und Blick auf den Pool, der nicht gereinigt war und in dem lauter Laub schwamm. Egal, ich war in Thailand! Nachdem mein Kopf dann auch richtig angekommen war und ich mit einer Tasse Instant-Kaffee auf der Veranda saß, dämmerte es mir bereits, dass ich mehr will. Mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit, mehr Abenteuer. Und ich wollte nicht die geplanten 2 Nächte auf Koh Samui bleiben, ich wollte direkt rüber nach Koh Phangan.

Also machte ich mich am nächsten Tag vorzeitig auf den Weg, ließ die verbliebene und bezahlte Nacht sausen, sowie den gebuchten Transfer auf die Nachbarinsel und begab mich auf eigene Faust zum
nächsten Fähranleger. Auf Koh Phangan hatte ich das Glück, dass in der Anlage, wo ich meine Unterkunft gebucht hatte, noch eine Bambushütte frei war, in die ich übergangsweise für eine Nacht ziehen konnte. Das ließ sich alles sehr unkompliziert vor Ort klären; das war ich natürlich aus Deutschland überhaupt nicht gewohnt aber ich merkte dadurch schnell, dass die Uhren hier anders ticken. Ab diesem Moment ließ ich mich nur noch treiben, ich machte mir nichts mehr aus meinen Plänen sondern ließ alles auf mich zukommen; auch Koh Tao erkundete ich nicht - da kam mir ein Hund dazwischen (auch darüber werde ich noch ausführlicher berichten) und es war okay so.

Ich traf tolle Menschen, nahm jeden Tag so an wie er kam und hatte zum ersten Mal ein richtiges Gefühl von Freiheit.
Ab dieser Reise wurde das Thema Backpacking für mich ein Ding. Durch die Menschen die ich in ihrem Verhalten und ihrer Art zu reisen beobachtete und kennenlernte, die Gegebenheiten vor Ort und den großen Wunsch nach freien und spontanen Entscheidungen wusste ich, dass ich ab sofort nie wieder so reisen wollen würde wie bisher. Es war das letzte Mal, dass ich einen Koffer für eine weite Reise packte; den gibts seitdem nur noch für kurze Trips.

Mein Fazit ist, dass viele gute Gründe für das Reisen mit Rucksack sprechen - die ich an anderer Stelle noch erläutern werde. Was aber viel wichtiger ist als die Art des Gepäckstücks, ist die Einstellung zu sich selber und zum reisen. Alles was ich bis heute auf meinen Reisen gelernt habe, die Menschen die mir begegnet sind und die Orte die gesehen habe, die Art wie ich das Leben der Einheimischen kennenlernen durfte - all das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich mich nicht aus meiner Komfortzone begeben hätte. Den Koffer gegen einen Rucksack zu tauschen ist nur ein kleiner und fast zu vernachlässigender Schritt - es hat für mich vor allem praktische Gründe.
Der viel größere Schritt, aus dem so viel Neues und Spannendes erwächst ist der des Nichtplanens. Hab den Mut neue Wege zu gehen, lass alte Denkmuster und Ansprüche los; lerne zu verzichten und mit dir allein zu sein und du wirst am Ende nicht die große Katastrophe finden sondern nur eines: dich selbst in deiner vielleicht besten Version.



Dienstag, 5. Juni 2018

Rom in 5 Tagen - Tag 5/5

Und so beginnt er nun, dein letzter Tag in Rom. Wenn du dich an meine Tagestouren gehalten hast, hast du bis hierhin schon so viel gesehen, bist in mehr als 2000 Jahre Geschichte eingetaucht und hast viel mehr Hintergrundinformationen erhalten, als du in einem, handelsüblichen Touristenguide je hättest finden können.  Natürlich gibt es noch so viel mehr zu sehen, auch vieles was ich selber noch nie geschafft habe zu besuchen. Deswegen treibt es mich wohl auch immer wieder her…nur ein einziges Mal für 5 Tage nach Rom? Das geht nicht! Man braucht so viel Zeit um hier alles zu sehen und zu begreifen. Es gibt so vieles zu wissen, so viele Zusammenhänge. In Rom ist alles seit je her und auf ewige Zeiten miteinander verflochten, das hast du wahrscheinlich schon gemerkt. Deinen letzten Tag kannst du ungezwungen angehen und solltest dich nochmal so viel wie möglich draußen aufhalten. Noch ein letztes Mal die tolle Stimmung der Straßen Roms aufsaugen bevor es zurück nach Hause geht.

Kaiserforen

Als du im Forum Romanum warst, hast du sie schon von Weitem gesehen aber nun betrachten wir sie etwas genauer: die Römischen Kaiserforen. Welche Funktion und Bedeutung ein Forum hatte, habe ich ja bereits geschildert. Die Kaiserforen vor denen wir jetzt stehen sind im Grunde eine Erweiterung des Forum Romanums, welches zuerst da war. Die Kaiserforen sind erst gegen Ende der römischen Republik gebaut worden, denn das Kaisertum war nicht immer die vorherrschende Staatsform der Antike und zunächst gab es die römische Republik in der der Senat das Sagen hatte. 

Römische Kaiserforen

Mit der Etablierung des Kaisertums wurde der Bedarf an weiteren Foren deutlich. Die heutigen Kaiserforen bestehen aus vier einzelnen Foren, die aneinander anschließen: Cäsarforum, Augustusforum, Nerva-Forum und Trajansforum. Cäsar war von diesen Kaisern der erste, der der Forderung nach einem neuen und moderneren Forum nachgab und die Erweiterung begann. So wurden nach und nach weitere Foren angeschlossen und der Ausbau endete mit dem Trajansforum, dem zugleich größten und prächtigsten von allen. Es ist auch von allen am besten erhalten. Der Bau dieses Forums war ein Mammutprojekt, denn eigentlich war in dieser zentralen Lage kein Platz für das was sich Trajan vorstellte, auf den nahegelegenen Hügel wollte er mit seinem Forum allerdings auch nicht ausweichen und so entschied er sich, Teile des Hügels einfach abtragen zu lassen, sowie etliche umliegende Häuser einzuebnen, so dass der gewaltige Bau Platz fand.

Die Bögen die man heute noch sehen kann, sind die sogenannten Trajansmärkte. Auf insgesamt 6 Stockwerken gab es hier zahlreiche Läden und Tavernen. Es muss beeindruckend ausgesehen haben; der weiße Marmor, mit dem alles verkleidet war und davor all die bunten Waren: Gewürze, Stoffe und vieles mehr. Hundert Menschen die sich tummeln, Marktschreier, die ihre Produkte anpreisen.


Tranjansmärkte
Ein richtiges antikes Einkaufszentrum wenn man so will - eine Shopping-Mall. Aber es gab wohl auch Verwaltungseinheiten die hier untergebracht waren. Insgesamt alles sehr groß, sehr beeindruckend und sehr modern. Ab dem Mittelalter wurden die Trajansmärkte als Festung. Kloster oder Kaserne genutzt; heute befindet sich darin ein Museum in dem ich aber selbst auch noch nicht war.

Trajanssäule

Ein kleiner Blick nach links genügt und wir sehen das wohl beeindruckendste Überbleibsel des Trajanforums, und zwar die Trajanssäule. Sie steht heute immer noch unverändert  an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort und ist eine Ehrensäule die 112/113 n.Chr. zu Ehren Kaiser Trajans errichtet wurde. Der römische Senat gab sie seinerzeit in Auftrag um Kaiser Trajan für seinen Ausbau der Foren zu würdigen. Im Vergleich zu anderen Säulen, derer es ja viele in Rom gibt, fällt hier direkt auf wie detailliert sie gestaltet ist. Die Säule ist mit einem umlaufenden Relief gestaltet, welches Kriegsszenen zeigt. Kaiser Trajan ist allein rund 60 mal in dem Relief dargestellt. Außerdem haben neuere Untersuchungen ergeben, dass es einst farbig ausgestaltet war, so wie fast alles aus der Antike – ich erzählte es bereits. 

 

Trajanssäule vor dem Nationaldenkmal Vittorio Emanuele II.
Und auch hier fällt es mir wieder schwer mir die Säule quietschebunt vorzustellen. Das einzige was an der Säule nicht mehr original ist, ist die Figur obendrauf; die hat im 16. Jahrhundert ein Papst draufgesetzt, nachdem die ursprüngliche Figur – eine goldene Statue Trajans- im Mittelalter eingeschmolzen und für irgendwas anderes wiederverwendet wurde. Typisch römisches Recycling eben.

Die Säule ist übrigens nicht aus einem Stück. Sie besteht aus mehreren übereinandergesetzten Blöcken, die ursprünglich bleiverplombt waren. Außerdem ist sie innendrin hohl und beherbergt eine Wendeltreppe, über die antike Besucher eine Plattform erreichen konnten von der aus sie einen guten Blick auf das anliegende Forum hatten. Zudem war im Sockel der Säule die Asche des Kaisers untergebracht. Heute kann man nicht mehr in der Säule hinaufsteigen; ich finde die Vorstellung auch irgendwie ziemlich beklemmend. Da die Menschen in der Antike aber wesentlich kleiner waren als heute, schien das kein Problem zu sein.

Aber es gibt an deinem letzten Tag noch eine andere Möglichkeit, ein letztes Mal über die Dächer Roms zu blicken, da du die Trajanssäule nicht hinaufkannst und sie dafür eh nicht mehr hoch genug ist, bzw. das heutige Rom ist viel zu groß für sie. Das Gebäude, welches dir aber einen tollen Ausblick über die Kaiserforen und das antike Zentrum bietet, ist nicht zu übersehen. Es befindet sich direkt gegenüber der Foren und wird von den Römern liebevoll „Die Schreibmaschine“ genannt wird – ein sehr passender Vergleich wie ich finde…

Monumento a Vittorio Emanuele II.

…das  Nationaldenkmal des Vittorio Emanuele II. Ich werde hier nicht viel darüber schreiben, weil ich auch nicht viel darüber weiß, außer dass das Monument dem ersten König des neugegründeten Königreichs Italien gewidmet war und nach seinem Tod in Auftrag gegeben wurde. Ich finde es hässlich – wie die meisten Römer übrigens auch, aber es erfüllt seinen Zweck, wenn man eine schöne Aussicht auf Rom haben will. Ich war einmal oben und wenn ich mich recht entsinne gibt es einen Aufzug und oben einen Gastronomiebetrieb. Schließe hier deine Reise bei einem Aperol Spitz ab und genieß ein letztes Mal die Aussicht bevor du dich auf den Weg zum Flughafen machen musst

 

Ich hoffe, dass dir mein kleiner Reiseführer gefallen hat. Ich selbst war zwar schon viele Male in Rom, habe aber immer noch so einige Punkte auf meiner Bucket List, die ich noch machen muss. Ich bin zum Beispiel noch nie die Via Appia gewandert oder in Ostia im Meer gewesen. Man kann wahrscheinlich sein halbes Leben in Rom verbringen und hat dennoch nicht alles gesehen.

Montag, 4. Juni 2018

Rom in 5 Tagen - Tag 4/5


 
Der heutige Tag steht ganz im Zeichen des Vatikans. Hierfür ist es sinnvoll einen ganzen Tag einzuplanen, da Vatikanstadt etwas außerhalb des römischen Stadtzentrums, auf der anderen Seite des Tibers liegt. Wenn man als Tourist vom Vatikan spricht, sind damit vor allem die vatikanischen Museen und der Petersdom gemeint, also die Teile, die touristische Relevanz haben. Wenn man Vatikanstadt besucht, sollte man einen Weg für einen Spaziergang einplanen; ich finde es immer sinnvoll den Rückweg zu flanieren und hin mit der Metro zu fahren. Da man an den vatikanischen Museen immer sehr lange anstehen muss, ist es ratsam spätestens um 9 Uhr vor Ort zu sein, da die Warteschlange sich entlang der vatikanischen Mauer reiht und es dort in der Mittagshitze sehr unangenehm werden kann. Keinesfalls sollte man auf die zahlreichen „Angebote“ eingehen, die einem beim Warten aufgedrängt werden: es wird damit geworben, für einen kleinen Aufpreis an der Schlange vorbeigeführt zu werden. Tatsächlich handelt es sich aber meistens um Betrüger, die einen dann am Eingang mit einem ungültigen VIP-Ticket stehenlassen und verschwinden. Dann muss man zurück und sich wieder von neuem anstellen. Beißt lieber die Zähne zusammen, seid früh da und stellt euch an; das spart Geld und Nerven.
 
 
Die vatikanischen Museen beherbergen die päpstlichen Kunstsammlungen und sind nicht einfach ein Museumsgebäude was irgendwo hingebaut wurde. Das Museum ist in den vorhandenen Räumen des päpstlichen Palastes entstanden und bindet hier Gemächer, Galerien, Kapellen und vieles mehr mit ein.  Ich war schon so oft hier und jedes Mal ist es wie das erste Mal, so riesig, weitläufig und verwinkelt sind die Räumlichkeiten. Da es wenig Sinn macht über ein Museum zu schreiben, wo Exponate ohnehin beschriftet und erklärt sind möchte ich hier nur auf das eingehen, was meiner Meinung nach das Highlight der vatikanischen Museen ist: die Stanzen des Raffael.
Der junge Raffael (links)
Das Wort stammt vom italienischen Begriff „stanza“= Zimmer ab und bezeichnet die Privatgemächer Papst Julius II., die Raffael für ihn ausgestaltet hat. Auch wenn man noch nie dort war, kennt man wahrscheinlich einige Abbildungen aus den Stanzen – die Malereien sind weltberühmt. Allem voran natürlich die Schule von Athen. Aber du wirst auch Darstellungen dessen sehen, worüber ich hier bereits an den anderen Tagen geschrieben habe, z.B. die Schlacht an der Milvischen Brücke oder die Befreiung Petri aus dem Kerker. Insgesamt ist die vorherrschende Bildthematik fast schon propagandistisch und verherrlichend, wenn auch teilweise auf einer Metaebene. Bei all diesen Szenen geht es letztlich um nichts anderes als dem Sieg des Christentums über das Heidentum und die oberste Legitimation des Papstes als Gottes Stellvertreter auf Erden.
Die besagte Schule von Athen ist mit Abstand die bekannteste und, wie ich finde, beeindruckendste und spannendste Malerei in den Stanzen. Ich sagte es schon öfter an anderen Stellen und es gilt auch hier: allein über dieses Wandfresko kann man hunderte Seiten schreiben.
Besonders spannend ist der Hintergrund dieses Freskos, hier wurde mal wieder die Architektur vom Petersdom missbraucht und als Vorlage für diese antike Szene altgriechischer Persönlichkeiten genommen. Thematisch ist es typisch für die Renaissance. Der Begriff Renaissance bedeutet Wiedergeburt und die Denkweise dieser Zeit war geprägt von der Wiedergeburt und Rückbesinnung auf die kulturellen Güter und Leistungen der griechischen Antike. Allem voran die der Philosophie. Deswegen sehen wir in der Schule von Athen auch alle wichtigen Vertreter und Denker dieser Zeit – also der griechischen Antike- wie zum Beispiel Platon und Aristoteles im Zentrum des Bildes. Die Wissenschaft ist sich bei vielen der anderen Personen uneinig, die beiden eben genannten gelten jedoch als unstrittig. Was die Zuordnung der Figuren erschwert ist, dass sie teils nur über ihre Attribute identifiziert werden können, ihre Gesichter tragen die Züge anderer Personen.  Platon zum Beispiel die von Leonardo da Vinci. Das Gemälde ist also eine Hommage auf mehreren Ebenen, zum einen an die griechische Philosophie, zum anderen an die großen Kunstvertreter der Renaissance.
Auch Raffael hat sich mit einem Selbstbildnis verewigt, wenn auch sehr bescheiden in einer Nebenrolle am rechten Bildrand. Insgesamt kann man sagen, dass bezüglich des Figureninventars der Schule von Athen unglaublich viele Fehlinformationen und -interpretationen kursieren. Sogar in der Fachliteratur. Hier lohnt sich zum Weiterlesen keinesfalls ein Blick in die Wikipedia, denn das was dort zu diesem Gemälde steht ist, gelinde gesagt, Bullshit.
 
 
Hat man etliche hundert Meter der vatikanischen Museen hinter sich gebracht, führt der Weg zwangsläufig an einen Ort, den wohl fast jeder Mensch kennt: die Sixtinische Kapelle, oder auch einfach Sixtina genannt. Sie beherbergt nicht nur eines der berühmtesten Gemälde der Welt, sondern ist auch der Ort, an dem das Konklave abgehalten wird, also die Versammlung der wahlberechtigten Kardinäle der römisch-katholischen Kirche zur Wahl des Papstes. Aber dieses Verfahren soll hier gar nicht Thema sein, sondern vielmehr die sagenhafte malerische Ausarbeitung des Innenraums. Die Nord- und Südwand der Kapelle zeigen jeweils Szenen aus dem Leben Jesu und aus dem Leben des Moses; vor Kopf befindet sich ein Stirnwandfresko mit dem Namen das Jüngste Gericht. Aber eigentlich möchte man nur den Kopf in den Nacken legen und die Decke anstarren. 
Deckenfresko Sixtinische Kapelle

Ein riesiges Wimmelbild mit einem unglaublichen Figureninventar. Wir sehen hier in der Sixtina mit einen der Gründe, wieso Michelangelo mit den parallel stattfindenden Arbeiten am Juliusgrabmal nicht fertig wurde; Papst Julius II. zog ihn währenddessen immer wieder davon ab, um an der Ausgestaltung der Sixtina zu arbeiten. Es muss eine unglaubliche Belastung für Michelangelo gewesen sein und es findet sich hier auch ein kleiner versteckter Hinweis darauf, was der Künstler von der Vorgehensweise seines Auftraggebers gehalten hat. Aber alles der Reihe nach. Das Deckenfresko zeigt Szenen aus der Genesis, also dem ersten Buch des Alten Testaments. Am bekanntesten ist hierbei wohl die Szene namens Die Erweckung Adams, relativ mittig. Insgesamt gibt es auf der zentralen Längsachse 9 Bildfelder, wobei immer drei thematisch zusammengehören. Ich habe eine gute schematische Darstellung bei Wikipedia gefunden und packe sie euch hier mit rein. 
Deckenfresko, schematische Darstellung

Der korrekte zeitliche Ablauf dieser Szenen wäre natürlich von rechts nach links zu lesen, also beginnend mit der Schöpfung der Welt. Michelangelos malte die Felder jedoch in umgekehrter zeitlicher Reihenfolge, beginnend mit der Trunkenheit Noahs. Hierfür gibt es zwei Gründe. Einen offiziellen und einen eher inoffiziellen. Der Künstler musste während des laufenden Betriebs der Sixtina arbeiten. Er hatte ein mobiles Gerüst auf dem er liegend malen konnte, dicht unter der Decke. Der Bereich unterhalb der gelben Felder ist der Ort, wo der Papst während der Gottesdienste stand, das heißt, wenn dort das Gerüst steht kann die Sixtina de facto nicht für Messen benutzt werden, da der Platz der Kanzel blockiert wird. Also arbeitete er von hinten nach vorne, so konnte der Betrieb möglichst lange aufrechterhalten werden. Jetzt könnte man natürlich – völlig zu Recht- einwerfen, dass es doch gehopst wie gesprungen sei, ob die Kapelle nun zu Beginn der Arbeiten geschlossen ist oder zum Ende hin. Und das ist es natürlich auch. An dieser Stelle kommt der inoffizielle Grund für die Reihenfolge zum Tragen. Hierfür muss man wissen, dass Michelangelo, so begnadet er als Maler auch war, sich selbst als Bildhauer sah. Mit anderen Worten, er hasste die Arbeit an der sixtinischen Kapelle wie die Pest. Nicht nur weil ihm die Malerei als solche, weniger Freude bereitete, auch die Arbeit an sich war schlichtweg ätzend. Auf dem Rücken liegend, zügig arbeitend, bevor der feuchte Putz trocknet und nicht mehr bemalt werden kann. Der Putz, der ihm ständig ins Gesicht tropft, in die Augen, ihn fast blind macht. Und im Hinterkopf die Deadline für das Juliusgrabmal. Aber ablehnen konnte er diesen Auftrag eben auch nicht. Und so rächte er sich auf seine ganz eigene Art und Weise, und zwar mit der Ausarbeitung der letzten drei Bildfelder, die er ganz zum Schluss malte, als man ihm längst freie Hand ließ und ihn nicht mehr kontrollierte und überwachte. Denken wir an den Platz der Kanzel, also den Ort wo der Papst steht, wenn er die Messe liest und denken wir daran wie Michelangelo sich gegen diesen verhassten Auftraggeber nicht wehren konnte. Und dann versetzen wir uns in die Rolle des Papstes, der in der Sixtina steht und an seinem Platz nach oben sieht…
…und jedes Mal des Arsches Gottes angesichtig wird! 
Der Arsch Gottes
Diese Spitze ist unglaublich clever und witzig gemacht. Gott trägt ein rosafarbenes Gewand, aber auf die Entfernung sieht es wirklich so aus als würde er dem Papst unten am Boden seinen nackten Arsch entgegenstrecken. Es ist nicht überliefert ob der Papst gecheckt hat, was man ihm damit sagen wollte, aber da er kein dummer Mann war, ist davon auszugehen, dass er es verstanden und einfach ignoriert hat.
Über zwanzig Jahre nach der Vollendung des Deckenfreskos wird Michelangelo (der immer noch am Juliusgrabmal arbeitet) vom nachfolgenden Papst Clemens VII. mit der Ausarbeitung des Stirnwandfreskos beauftragt. Er malt hier das Jüngste Gericht, ein Werk welches absolut skandalträchtig war und einige Kirchenherren gegen ihn aufbrachte. Insbesondere ist ein heftiger Streit zwischen Michelangelo und einem ranghohen Kardinal überliefert, bei dem es darum ging, dass dieser das Bild obszön und anrüchig fand. In diesem Fresko findet sich auch ein Selbstbildnis Michelangelos, und zwar malte er sich als die abgezogene Haut des Märtyrers Bartholomäus. Ein weiteres Zeichen dafür, wie er sich mit dem Gesamtproblem im Dienste der Päpste zu stehen, fühlte.
Übrigens: Die Sixtina sieht erst seit der letzten Restaurierung so aus wie jetzt. Bis Anfang der 90er Jahre dachten Kunsthistoriker das Michelangelo für die Fresken sehr gedämpfte Farben verwendet hatte und dann stellte sich bei der Restaurierung heraus, dass einfach alles mit einer Schicht aus Ruß überzogen war und zum Vorschein kamen leuchtende und strahlendbunte Farben.
 
 
Die gemeinhin als Petersdom bezeichnete Basilika Sankt Peter im Vatikan ist die Memorialkirche des Apostels Petrus. Memorialkirchen sind Kirchen, die in enger Verbindung mit dem Leben oder der Reliquie eines Märtyrers stehen. Im Falle des Petersdoms handelt es sich um das mutmaßliche Grab des Petrus. Die Basilika ist, obwohl im Vatikan gelegen, weder die Kathedrale des Bistums Rom, noch die ranghöchste römisch-katholische Kirche; das ist wie bereits erzählt die Basilika San Giovanni in Laterano. Was sie aber definitiv ist: ein absolutes Brett in Sachen Größe! Auf einer Grundfläche von 20.139 m² fasst Sankt Peter an die 20.000 Menschen und ist damit weltweit eines der größten Kirchenbauwerke.
Der Vorgängerbau, Alt-Sankt-Peter wurde 324 n.Chr. von Konstantin I. über dem vermeintlichen Grab des Apostels Petrus errichtet; der (Neu)bau wie er heute steht wurde im beginnenden 16. Jhd. In Angriff genommen und es dauerte mehr als 150 Jahre bis zu seiner Vollendung. In dieser Zeit waren zahlreiche Künstler und Architekten an dem Bau beteiligt; einige Namen kennst du nach einigen Tagen in Rom wahrscheinlich bereits, sie begegnen einem hier immer wieder: Bramante (Grundlagepläne, Grundsteinlegung, Vierungspfeiler), Raffael (Gewölbeentwurf), Michelangelo (Planung des Westteils der Basilika und der Kuppelkonstruktion), Bernini (Baldachin, Petersplatz und künstlerische Ausgestaltung) und Borromini (Assistenz bei der Errichtung des Baldachins). Bereits Alt-Sankt-Peter war ein monumentaler Bau für seine Zeit und an sich bestand keine Notwendigkeit eine neue Kirche zu errichten. Aber erinnere dich kurz zurück an deinen Besuch in der Basilika San Pietro in Vincoli und an die Geschichte des Juliusgrabmals: bereits zu Beginn seines Pontifikats gab Julius II. sein Grabmal in Auftrag, befand aber Alt-Sankt-Peter für nicht angemessen genug, sein monumentales Grabmal zu beherbergen – denn da sollte es ja aufgestellt werden. Er gab daher eine Erweiterung der Kirche in Auftrag. Finanziert wurde das teure Projekt übrigens zu einem Großteil durch Ablasshandel. Dadurch wurde der Neubau von Sankt Peter später auch zu einem der Hauptargumente der Reformatoren und Ausgangspunkt der Reformation der Kirche. Aus der Erweiterung der mehr als tausendjährigen konstantinischen Basilika wurde unter der Bauleitung Bramantes das Abtragen der alten Bausubstanz und somit im Grunde die komplette Zerstörung des geschichtsträchtigen Gebäudes. Dies wurde ihm auch von Zeitgenossen vorgeworfen und schriftliche Zeugnisse dessen können als frühe Überlegungen in Richtung Denkmalschutz gelesen werden.
Aber was meiner Meinung all diese historischen Informationen überstrahlt und in Worten nicht wiedergegeben werden kann, ist der Eindruck, den man hat, wenn man den Petersdom betritt. Ich finde, dass fast alle Kirchen Roms die ich kenne, von außen kaum nach dem aussehen was sich in ihnen befindet; aber bei Sankt Peter ist es besonders enorm. Wie gigantisch diese Kirche ist, wird einem erst klar, wenn man sie betritt. Allein die Pfeiler sind so gewaltig, dass man sie im ersten Moment gar nicht als Pfeiler wahrnimmt. Und dann diese riesige Kuppel…in die man übrigens hochsteigen kann. Man darf allerdings nicht unbedingt klaustrophob sein. Ich habe das ein einziges Mal gemacht und der Aufstieg war grauenhaft, aber das was man am Ende sieht macht es wett. Über Rom blicken, über ganz Rom, das ist atemberaubend.
Es ist unmöglich den Petersdom zu behandeln, ohne über den Petersplatz zu sprechen. 
Der Petersplatz vom Petersdom aus gesehen
 Die Piazza San Pietro wurde unter dem Pontifikat Papst Alexanders VII. von Bernini entworfen und angelegt. Das Oval der Kolonnaden ist nicht nur dekoratives Element, sondern bildet gleichzeitig die Staatsgrenze zwischen der Vatikanstadt und Italien. Ich finde es immer wieder schräg, dass Vatikanstadt ein eigener Staat ist und noch schräger, dass die Amtssprache Latein ist – eine tote Sprache. Surreal irgendwie. Aber zurück zum Peterslatz. Ich denke eingangs beschreibt man ihn am besten, indem man seinen Erbauer, Bernini, zitiert:
Da die Kirche Petri sozusagen die Mutter aller anderen Kirchen ist und sie daher Kolonnaden haben muss, die wie mit mütterlich ausgebreiteten Armen die Katholiken aufnehmen, um sie in ihrem Glauben zu bestärken, und die Häretiker, um sie in der Kirche wiederzuvereinen, sowie die Ungläubigen, um sie zum wahren Glauben zu erleuchten. – Bernini
Also soviel zur Intention. Der optische Effekt lohnt einen zweiten Blick. Kommt man von der Via della Conciliazioneauf den Petersdom zu, sieht er sehr lange sehr klein aus finde ich. Auch wenn man auf dem Petersplatz steht, wirkt er sehr weit entfernt. Dies liegt an der trapezförmigen Piazza Retta, die an das Oval anschließt und den Petersplatz mit der Basilika verbindet. Dieser Platz ist leicht abschüssig gestaltet und erzeugt so insgesamt eine Art optische Täuschung, welche die Fassade der Basilika optisch in die Ferne rückt. Die Kolonnaden bestehen aus sage und schreibe 284 Säulen und werden von 140 Heiligenfiguren bekrönt. Der Platz selbst senkt sich zur Mitte hin und zentraler Blickpunkt ist ein Obelisk, der zuvor im Circus des Nero stand, welcher sich an der Stelle des heutigen Petersplatzes befand. Der Legende nach erlitt Petrus im Circus unter Kaiser Nero den Märtyrertod.
Außerdem gibt es einen Brunnen auf dem Petersplatz und zwischen dem Obelisken und diesem Brunnen – du solltest diese Stelle unbedingt suchen- sind zwei Marmortafeln in den Boden eingelassen. Sie markieren die Ellipsenbrennpunkt und wenn man sich auf sie stellt und Richtung Kolonnaden blickt, erscheinen die vierreihigen Säulengänge als gäbe es jeweils nur eine Säule.
Übrigens: Bernini plante ursprünglichen einen dritten Kolonnadengang, welcher den optischen Effekt beim Zuschreiten auf den Petersdom nochmal verstärken sollte. Dieser wurde aber aufgrund des Todes des auftraggebenden Papstes und der allgemeinen Bebauungsdichte des Geländes nicht umgesetzt.
 
 
Entfernen wir uns vom Petersdom und ziehen Richtung Tiber, taucht schnell die Engelsburg auf. Seit je her die Trutz- und Schutzburg der Päpste musste sie in unmittelbarer Umgebung und erreichbar sein. Wenn man Illuminati von Dan Brown gelesen hat, weiß man, dass die Engelsburg mit einem Fluchtweg versehen ist, der zum päpstlichen Palast führt. Dan Brown beschreibt es in seinem Roman als Geheimgang – wie geheim der Gang tatsächlich ist wirst du schnell sehen – nämlich gar nicht. Er verläuft wie eine Art Brücke oberirdisch und jeder wusste von ihm.
Der antike Name der Engelsburg lautet Hadrianeum und war als was gedacht? Genau, als Grab. Kaiser Hadrian ließ die Engelsburg als Mausoleum für sich und seine Nachfolger errichten. Erst später wurde sie zur Schutzburg umgebaut und bis ins frühe 20. Jhd. als solche genutzt. Seitdem beherbergt sie ein Museum.  Ein Besuch lohnt sich, es ist noch einiges an Wand- und Deckenmalerei zu sehen, außerdem hat man auch von der Spitze der Engelsburg einen tollen Blick. Also falls du dir davor die Kuppel des Petersdoms gespart hast, hier ist die nächste Gelegenheit für ein Panorama und ein paar instagram-taugliche Fotos.
Der Bau wurde zu Lebzeiten Hadrians begonnen, aber erst unter seinen Nachfolgern beendet. Wie angedacht wurden Hadrian und seine Frau Sabina dort bestattet und nach ihnen noch einige weitere Kaiser, deren Namen du sicherlich schonmal gehört hast, zum Beispiel Septimius Severus, Mark Aurel, Caracalla, Antoninus Pius und seine Frau Faustina.
Der zylindrische Baustil geht auf die Grabbauweise der Etrusker zurück und man muss sich das ursprüngliche Mausoleum noch etwas mehr wie einen flachen Kegel vorstellen. Rekonstrukteure sind sich uneinig ob die Kegeloberfläche mit Marmor verkleidet war, oder mit einem Zypressengarten bepflanzt. Als gesichert gilt jedoch, dass auf der Spitze des Mausoleums eine Quadriga stand, die Hadrian als Sonnengott zeigte. Bereits im 6. Jhd. wurde das gut befestigte und mittlerweile als Zitadelle in die Stadtmauer integrierte Mausoleum als bedeutsamer Stützpunkt zur Kontrolle der Stadt augenfällig und vom Gotenkönig Totila zum Stützpunkt ausgebaut. Der endgültige Umbau zur Schutzburg der Päpste erfolgte im 16. Jahrhundert.  Die Päpste richteten sich zum Teil sehr prunkvolle Privatgemächer ein, darunter die sogenannte Sala Paolina, die heute auch besichtigt werden kann. Aufwendige, manieristische Freskenmalereien, inspiriert von den Grotesken der Domus Aurea, schmücken Decken, Wände und Durchgänge.
Übrigens: Der heutige Name Engelsburg geht auf die Zeit zurück in denen in Rom die Pest wütete. Im Jahre 590 erschien der Legende nach Papst Gregor I. der Erzengel Michael über dem Mausoleum, der ihm das Ende der Pest verkündete. Da die Pest tatsächlich noch im gleichen Jahr zuende ging, hieß das Grabmal fortan Engelsburg und an dieses Ereignis erinnert die große Engelsstatue auf der Burg noch heute.
 
Die in der Antike als Pons Aelius Hadrianuserbaute Engelsbrücke verbindet den Bereich der Engelsburg mit dem Stadtzentrum und spannt sich über den Tiber. Die Engel auf der Brücke sind erst nach der Namensgebung der Brücke entstanden, sie wurden von Bernini und seinen Schülern geschaffen. Alle Engel sind mit Attributen ausgestattet, die mit der Passion Christi zu assoziieren sind, zum Beispiel die Dornenkrone, das Kreuz und die Lanze. Wie die Engelsburg wurde auch die Engelsbrücke von Kaiser Hadrian gebaut; er wollte das sogenannte Marsfeld jenseits des Tibers mit seinem Mausoleum verbinden und bereits in der Antike galt diese Brücke als die Schönste der Welt. Das Marsfeld war übrigens ein großes offenes Gelände im alten Rom, welches dem Kriegsgott Mars geweiht war. Es wurde als Weideland genutzt, außer zu Kriegszeiten, dann wurde es vom Militär zu Übungszwecken verwendet. Die Engelsbrücke war früher ein wichtiger Verkehrsweg. Gerade in Heiligen Jahren, wenn viele Pilger nach Rom kamen um im Petersdom den Ablass ihrer Sünden zu erhalten, war die Brücke ein bedeutender Zubringer. Im Jahre 1450 ereignete sich hier etwas, was dem Loveparade-Vorfall in Duisburg vor einigen Jahren ähnelt. Durch zuströmende Menschenmassen bildete sich ein Nadelöhr; die Situation wurde noch verschärft dadurch dass Händler und Gaukler auf der Brücke einige Stände errichtet hatten. Es brach eine Massenpanik aus, die 172 Menschen das Leben kostete. Daraufhin verbot der damalige Papst das Aufstellen von Ständen auf der Brücke und eine weitere Brücke in unmittelbarer Nähe wurde zur Entlastung der Besucherströme gebaut.
Übrigens: Zu zweifelhafter Bekanntheit kam die Engelsbrücke im 16. Jahrhundert durch die damals gängige Praxis, hier die abgeschlagenen Köpfe von Verbrechern auszustellen.
 
Piazza Navona
 
Der Weg zurück ins Zentrum führt zwangsläufig an der Piazza Navona vorbei, daher kannst du diesem Ort auch direkt einen Besuch abstatten und in den Gassen rund um diesen schönen Platz etwas essen gehen. Die Piazza Navona ist besonders wegen seines berühmten Brunnens weltweit bekannt. Was aber auf Luftaufnahmen zunächst mal direkt auffällt ist die ungewöhnliche Form des Platzes.
Piazza Navona, Flurkarte

Diese greift das auf was die Piazza Navona ursprünglich gewesen ist: eine Arena. Direkt auf dem Marsfeld gelegen ließ bereits Cäsar hier ein Stadion errichten um griechische Wettkämpfe ausrichten zu lassen.
Modell der Arena

Diese, eher provisorische Arena, wurde 40 Jahre später durch Kaiser Domitian monumental ausgebaut. Wie ein Großteil der antiken Bausubstanz, befinden sich die Überreste des Stadions auch hier unterirdisch. Teile der Bögengänge wurden unter der anliegenden Kirche Sant‘ Agnese in Agone ausgebraben, vom Holzaufbau mit den Zuschauerrängen ist nichts mehr übrig. Jene Kirche steht übrigens an der Stelle an der der Legende nach die Heiline Agnes von Rom ihr Martyrium erlitt.
Zentraler Blickpunkt des Platzes, der heute ein beliebter Ort für Kleinkunstgewerbetreibende ist, ist jedoch der sogenannte Vierströmebrunnen, erbaut im Stil des Hochbarocks von (na, wem wohl…) Bernini. Der 1651 fertiggestellte Brunnen symbolisiert die 4 damals bekannten Kontinente über die Darstellung der jeweils repräsentativen Flüsse Nil (Afrika), Donau (Europa), Ganges (Asien) und Rio de la Plata (Südamerika). Ich vergesse immer welche Figur für welchen Fluss steht aber sie sind mit Attributen in Form von Pflanzen und Tieren des Kontinentes versehen, so dass du selber versuchen kannst, die Zuordnung zu machen. Ich meine mich aber auch zu erinnern, dass es dransteht, aber vielleicht irre ich mich auch.
Übrigens: Der Obelisk in der Mitte des Brunnens stammt vom ehemaligen Isis-Tempel des Domitian. Er ist mit Hieroglyphenschrift graviert; der Textinhalt ist aber nicht so interessant wie die Tatsache, dass dies eine der letzten Inschriften überhaupt ist die in Hieroglyphen ausgeführt wurde, kurz danach endete die Ära dieser Schrift.