Posts mit dem Label Travel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen
Posts mit dem Label Travel werden angezeigt. Alle Posts anzeigen

Samstag, 26. August 2023

Interview mit einem Tuk Tuk-Fahrer: 13 Fragen an Bora (🇩🇪/🇬🇧)

 ***English version below***

 2020 reiste ich zum ersten Mal nach Kambodscha und schon lange stand der Besuch von Angkor Wat in Siem Reap auf meiner Bucketlist. Ich recherchierte in diversen Facebook-Reisegruppen und stieß dort auf die Empfehlung einer Reisenden, mich mit Bora Pheng - einem Einheimischen- in Verbindung zu setzen. Bora ist Tuk Tuk Fahrer in Siem Reap. Wir schrieben über Facebook und verstanden uns auf Anhieb sehr gut.


Während meines Aufenthaltes in Siem Reap kümmerte er sich um alles was ich besichtigen und erleben wollte und bei der Abreise nach einigen Tagen fiel der Abschied schwer. Kurz darauf brach die Pandemie aus und Kambodscha schloss wie alle Länder seine Grenzen. Bora und ich blieben weiterhin in Kontakt und über die Jahre entstand eine Freundschaft zu ihm und seiner Familie. Dadurch bekam ich während der ganzen Zeit mit, wie schwer diese Zeit für Menschen war, die nicht in einem Sozialstaat wie Deutschland leben und wir sprachen sehr oft über die existenziellen Probleme, die Corona für Familien wie die von Bora mit sich brachte.

Heute möchte ich meinem Freund diesen Blogartikel widmen, um ihn zum einen dabei zu unterstützen, sein Business weiterzuentwickeln aber auch um Reisenden einen Einblick in das alltägliche Leben eines Tuk Tuk-Fahrers zu geben. 

1. Hallo Bora, du lebst und arbeitest in Siem Reap - was gefällt dir besonders gut an deiner Heimatstadt?

Bora: In meiner Stadt gibt es viele Touristen und es können Orte wie Angkor Wat, Klöster und die ländliche Gegend mit ihrer schönen Landschaft besucht werden. Auch der Straßenverkehr ist nicht so schlimm wie in anderen Städten.

2. Wie lange arbeitest du schon im Tourismus und wie kam es zu der Entscheidung Tuk Tuk-Fahrer zu werden?

Bora: Ich habe 2008 als Tuk Tuk-Fahrer angefangen und mache das jetzt seit 15 Jahren. Ich entschied mich dazu, weil es zu der Zeit sehr schwer war, bezahlte Arbeit zu finden. Ich hatte davor einen Job als Page in einem Hotel, da bekam ich ein Gehalt von 2,60$ pro Tag und musste dafür von Montag bis Samstag, jeweils 10 Stunden am Tag arbeiten.

3. Was ist das Beste an deinem Job und was ist das Schwierigste?

Bora: Das Beste an meinem Job als Tuk Tuk-Fahrer ist, dass ich Menschen aus verschiedenen Ländern der Welt kennenlerne, wir etwas voneinander lernen und über Essen, Kultur, Sprache und Geschichte sprechen können. Schwierig ist es immer dann, wenn es keine Touristen gibt. In Kambodscha gibt es zwei Reisezeiten für Touristen: die Nebensaison und die Hochsaison. Die Nebensaison ist von Mai bis November und die Hochsaison von Dezember bis April.

4. Hattest du andere Berufswünsche als du jünger warst?

Bora: Ja, als ich jung war hatte ich den Traum, lizensierter, englischsprachiger Reiseführer zu werden aber aus Bildungsgründen war das nicht möglich. Damals, als ich jung war, gab es für mich nicht genug Möglichkeiten in der Schule zu lernen und aufgrund des Bürgerkriegs hatten viele Menschen keine guten Chancen auf ein Studium. Ich wurde 1984 geboren, also noch im Bürgerkrieg und erhielt meine schulische Ausbildung als Mönch von 2001-2003, aber im Mönchsleben und der dazugehörigen Schule gibt es keine Zertifikate, keine reguläre Grundschule, kein Gymnasium und keine weiterführende Schule. Man ist dort nur um zu lesen und den anderen Mönchen zuzuhören.

[Anm. von mir: die Klosterschulen bieten eine Art Grundbildung im Lesen, Schreiben und Rechnen. Es ist kostenlos und die Kinder können in der Zeit im Kloster leben. Auch heute noch schicken insbesondere die ärmeren Familien ihre Kinder für einige Jahre dorthin um ihnen wenigstens ein bisschen was zu ermöglichen.]

5. Wie hast du die COVID-19-Pandemie mit deiner Familie erlebt? Wie war die Situation in Kambodscha und Siem Reap?

Bora: Es war sehr schwer für mich und meine Familie, weil ich meinen Job verloren habe. Kein Tourist reiste mehr nach Kambodscha. Siem Reap war abgesperrt, so dass niemand mehr kommen konnte.

[Anm. von mir: Tuk Tuk Services werden von Einheimischen selber kaum in Anspruch genommen. Bleiben die Touristen aus, gibt es für einen Fahrer keine Kunden und keine Arbeit mehr.]

6. Wie sieht ein typischer Arbeitstag bei dir aus?

Bora: Ich stehe um 5:30 Uhr morgens auf und koche das Frühstück für meine Kinder und meine Fra. Um 7:00 Uhr fahre ich mit dem Tuk Tuk ca. 20 km bis Siem Reap City um dort meinem Job nachzugehen. Ich parke mein Tuk Tuk an der Straße und spreche viele Touristen an, die an der Straßenecke vorbeigehen. Manchmal laufen die Geschäfte gut und manchmal sehr schlecht. Normalerweise komme ich um 17:00 Uhr nach hause, aber manchmal habe ich Kunden, die den Sonnenuntergang an einem bestimmten Ort beobachten möchten, dann komme ich sehr spät nach hause.

7. Erinnerst du dich an einen besonders schönen Moment aus deinem Arbeitsalltag?

Bora: Ich erinnere mich immer daran, wie ich "meine Touristen" zum ersten Mal getroffen habe, besonders die die viele Orte mit mir besucht haben und länger in der Stadt blieben, weil man sich dann jeden Tag getroffen hat und zusammen gegessen und getrunken hat. So wie ich dich und Heyka treffe. Diese Menschen vergesse ich nie.

8. Du bringst Menschen aus der ganzen Welt nach Angkor Wat und Angkor Thom. Was ist dort dein persönlicher Lieblingstempel und warum?

Bora: Mein Lieblingstempel ist der Bayon-Tempel, denn es ist ein buddhistischer Tempel und damit der Vertreter meiner Religion - des Buddhismus

[Anm. von mir: Und dazu ist der Bayon-Tempel auch noch außergewöhnlich schön und mit den meterhohen Gesichtern Buddhas ein absolutes Meisterwerk.]

9. Was macht deiner Meinung nach den "besonderen Zauber" von Angkor Wat aus, der Menschen aus aller Welt anzieht? 

Bora: Weil meiner Meinung nach, Angkor Wat eines der größten Meisterwerke in Asien ist und vielleicht der ganzen Welt. Es wurde von bloßer Hand gebaut, aus Sandstein und ist sehr alt. Und allein die Architektur...

10. Du hast dein ganzes Leben in Kambodscha verbracht. Gibt es Orte auf der Welt, die du gern besuchen würdest wenn es möglich wäre?

Bora: Ich würde gerne in die Nachbarländer Thailand und Singapur reisen und wenn es möglich wäre, würde ich auch gerne Europa (Deutschland) und die USA besuchen.

11. Du hast einen Youtube-Kanal (Original Khmer food), wo wir dir beim Kochen traditioneller Khmer-Gerichte zusehen können. Wo hast du kochen gelernt, oder hast du es dir selber beigebracht?

Bora: Ich habe das Kochen in der Schule gelernt, als uns etwas über das Gastgewerbe beigebracht wurde. Und es ist auch nicht schwer, Khmer-Gerichte zu kochen, da die Rezepte sehr einfach sind. Ich lerne auch viel von meiner Frau und meiner Schwiegermutter. Das ist ein ganz typisches und traditionelles Khmer-Lernen: von Person zu Person

12. Deine Familie besteht aus 4 Personen. Was esst ihr zuhause am liebsten?

Bora: Unser täglicher Favorit ist Hühnersuppe

13. Letzte Frage: Was wünschst du dir für die Zukunft?

Bora: Ich wünsche mir Reiseleiter zu sein und eine gute Bezahlung. Ich möchte auch vielen Kindern und Studenten in meinem Dorf helfen, ich kann ihnen Geschichte und Englisch beibringen.

Ich danke Bora für dieses ehrliche Interview. Es ist nicht leicht via Facebook über bestimmte Dinge zu sprechen, da Kambodschas Regierung im Verdacht steht, private Chatverläufe mitzulesen. Sich kritisch über die Regierung zu äußern ist strafbar! Dazu gehören z.B. auch kritische Äußerungen über den Umgang mit der Pandemie. Deswegen habe ich dieses Thema im Interwiev nur sehr kurz angesprochen.

Wenn ihr auch eine Reise nach Kambodscha, bzw. Siem Reap plant, hier findet ihr alle Kontaktdaten von Bora, er wird euch sehr gerne helfen.

Facebook: https://www.facebook.com/bora.pheng.54

English version:

*we aren't native english speakers, so please patient with us ;)

I traveled to Cambodia in 2020 for the first time and visiting Angkor Wat in Siem Reap had been on my bucket list for a long time. I was looking for information in several travel groups on Facebook and came across to a traveler's recommendation to get in touch with Bora Pheng - a local tuk tuk driver in Siem Reap. We wrote some PN on Facebook and we got along well right away.

During my stay in Siem Reap he took care of everything I wanted to see and experience and when I left after a few days it was difficult to say goodbye. Shortly thereafter, the pandemic broke out and Cambodia, like all countries, closed its borders. Bora and I stayed in touch and over the years we became friends. As a result, I noticed all the time how difficult this time was for people who do not live in a welfare state like Germany, and we talked very often about the existential problems that Corona brought with it for families like Bora's.


Today I would like to dedicate this blog article to my friend to help him develop his business but also to give travelers an insight into the everyday life of a tuk tuk driver.

1. Hello Bora, you live and work in Siem Reap - what do you like about your city? 

Bora: There are many tourists in my city and places like Angkor Wat, monasteries and the countryside with beautiful scenery can be visited. The traffic is not bad.

2. How long have you been working in tourism and how did you decide to become a tuktuk driver? 

Bora: I started as a tuk tuk driver in 2008 and have been doing it for 15 years now. I decided to do this because it was very difficult to find paid work at the time. Before that, I had a job as a bellboy in a hotel where I was paid $2.60 a day and had to work 10 hours a day, Monday through Saturday.

3. What is the best thing about your job and what is the most difficult thing? 

Bora: The best thing about my job as a tuk tuk driver is that I get to meet people from different countries around the world, we can learn from each other and talk about food, culture, language and history. It's always difficult when there are no tourists. There are two tourist seasons in Cambodia: the low season and the high season. The low season is from May to November and the high season from December to April.

4. Did you have any other career aspirations when you were younger? 

Bora: Yes, when I was young I had a dream to become a licensed english speaking tour guide but due to educational reasons it wasn't possible. Back when I was young, there weren't enough opportunities for me to study at school and because of the civil war, many people didn't have good opportunities to study. I was born in 1984, so still during the civil war and received my school education as a monk from 2001-2003, but in monastic life and the associated school there are no certificates, no regular primary school, no high school and no secondary school. One is only there to read and listen to the other monks.

[note from me: the monastery schools are offering a kind of basic education in reading, writing and arithmetic. It's free and the children can live in the monastery during the time. Even today, families send their children there for a few years, to give them at least a little something of education.]

5. How was the Covid-19 pandemic for you and your family? How was the situation in Cambodia and Siem Reap? 

Bora: It was very difficult for me and my family because I lost my job. No tourist traveled to Cambodia anymore. Siem Reap was in Lockdown so no one could come.

[note from me: Tuk Tuk services are hardly used by the locals themselves. If there are no tourists, there are no more customers and no work for a driver.]

6. What does a typical working day look like for you? 

Bora: I get up at 5:30 in the morning and cook breakfast for my children and my wife. At 7:00 a.m. I take the Tuk Tuk about 20 km to Siem Reap City to do my job there. I park my tuk tuk on the street and speak to many tourists who are walking by the street corner. Sometimes business is good and sometimes it is bad. I usually come home at 5:00 p.m., but sometimes I have clients who want to watch the sunset at a certain place, then I come home very late.

7. Do you remember a particularly nice moment from your everyday work? Something you will never forget? 

Bora: I always remember how I met "my tourists" for the first time, especially those who visited many places with me and stayed longer in the city because then we met every day and ate and drank together. Just like meeting you and Heyka. I will never forget these people.

8. You bring people from all over the world to Angkor Wat and Angkor Thom. What is your personal favorite temple there? And why? 

Bora: My favorite temple is the Bayon Temple because it is a Buddhist temple and therefore the representative of my religion - Buddhism

[note from me: And last but not least the Bayon Temple is also extraordinarily beautiful and with the meter-high Buddha faces an absolute masterpiece.]

9. What is - in your opinion - the "special magic" of Angkor Wat that attracts people from all over the world? 

Bora: Because in my opinion, Angkor Wat is one of the greatest masterpieces in Asia and maybe in the whole world. It was built by bare hands, of sandstone, and is very old. And the architecture alone...

10. You have spent your whole life in Cambodia. Are there places in the world that you would like to visit yourself if it were possible? 

Bora: I would like to travel to the neighbour countries Thailand and Singapore and if possible I would also like to visit Europe (Germany) and the United States.

11. At your youtube-channel (Original Khmer food) we can watch you cooking traditional Khmer food. Who taught you to cook or did you learn it by yourself? 

Bora: I learned to cook at school when we were taught about hospitality. And it is also not difficult to cook Khmer dishes, since the recipes are very simple. I also learn a lot from my wife and mother-in-law. This is very typical and traditional Khmer learning: person to person

12. Your family consists of 4 people. What is everyone's favorite food? 

Bora: Our everyday favorite is chicken soup.

13. Last question: What do you wish for the future?

Bora: I wish to be a tour guide and get paid well. I also want to help many children and students in my village, I can teach them history and English.

I thank Bora for this honest interview. It's not easy to talk about certain things on Facebook, as Cambodia's government is suspected of reading private chat histories. It is a punishable offense to speak critically about the government! This includes, for example, critical statements about how the pandemic is being dealt with. That's why I only touched on this topic very briefly in this interview.

If you are also planning a trip to Cambodia or Siem Reap, here you will find all of Bora's contact details, he will be happy to help you.

Facebook: https://www.facebook.com/bora.pheng.54



Montag, 12. August 2019

Backpacking - eine Glaubensfrage?

Backpacking ist mehr als nur das Reisen mit einem Rucksack. Wenn man 100 Backpacker fragt, wird man wahrscheinlich 100 verschiedene Antworten auf die Frage bekommen, was Backpacking eigentlich ausmacht und ab wann man sich als Backpacker bezeichnen "darf". Ja, es scheint fast eine Glaubensfrage zu sein.

Ich habe natürlich auch meine eigene Meinung dazu und dies ist der Versuch, den Themenkomplex "Backpacking" ein Stück weit zu entmystifizieren. Man muss weder Mitte 20, noch ein Hippie oder Aussteiger sein, um das Abenteuer Backpacking zu wagen.

Wie der Name sagt, geht es offenbar um das Reisen mit Rucksack. Reisen mit Koffer kann also de facto kein Backpacking sein. Aber Backpacking ist auch eine Lebenseinstellung, es geht um Entschleunigung, Mobilität, Abenteuerlust, die kleinen Dinge, den Verzicht auf unnötigen Luxus und um Freiheit. Geht das nicht auch mit einem Koffer? Ich habe auf meinen Reisen viele Menschen getroffen, die das wehement mit Nein beantworten würden. Ich sehe das inzwischen etwas differenzierter. Meine ersten beiden großen Fernreisen habe ich im Reisebüro gebucht und mit Koffer bestritten - Backpacking war damals überhaupt noch kein Thema für mich. Rückblickend würde ich heute aber sagen, dass ich unbewusst schon sehr viele grundlegende Backpacking-Aspekte erfüllt habe, einfach durch die Art wie ich intuitiv gereist bin.

Meine erste Reise führte mich 2014 im Alter von 31 Jahren nach Neuseeland. Heute bezeichne ich dies als meine erste "richtige" Reise, denn erstmals war ich als Erwachsene allein außerhalb von Europa. So weit weg war ich zuvor noch nie. Ich packte also einen riesigen Koffer (einen Backpack hatte ich damals noch nicht) und flog nach Auckland, wo ich einen Bekannten meines Bruders traf, der mich auf der Reise begleiten sollte.
Die erste Nacht verbrachten wir im Hostel, am nächsten Tag holten wir unseren Campervan von Travellers Autobarn ab und dann gings auch schon los. Weder Instagram noch der inzwischen sehr populäre Hashtag #vanlife waren damals ein Ding und dennoch haben wir genau das getan.
Wir fuhren also los, orientierten uns vage an der Küstenlinie, hielten immer wieder mal an, wenn wir etwas Spannendes sahen und blieben mal eine und mal zwei Nächte an einem Ort.

Eine festgelegte Etappe gab es im Vorfeld nur ganz grob - wir entschieden jeden Tag spontan wie weit wir fahren und wo wir übernachten würden. Von komfortablen Holiday Parks bis zu verlassenen Campingplätzen ohne Strom, fließend Wasser (Plumsklo lässt grüßen) und anderen Menschen war alles dabei. Nach fast 4 Wochen, unzähligen eiskalten Duschen, durchgefrorenen Nächten (es war Frühlingsanfang in Neuseeland), sehr viel Landschaft, zeitweise sehr wenig Kontakt mit der Zivilisation und jedem nur erdenklichen Wetter hatten wir die Nordinsel einmal umrundet.

Mein Fazit dieser Reise war, dass ich mit sehr wenigen Dingen sehr gut klarkommen kann. Verzicht auf Komfort und Luxus war überhaupt kein Problem für mich. Mein Koffer war wie ein mobiler Kleiderschrank, er lag die ganze Zeit im Van und wurde nie von A nach B bewegt - ein Rucksack hätte das gleiche Schicksal gehabt, also wo lag der Unterschied zum Backpacking? Aus meiner heutigen Sicht gibt es keinen, wenn man den ideologischen Ansatz der Freiheit und Mobilität wählt.

Der Grundstein war nach Neuseeland gelegt und so kam es für mich auch bei meiner zweiten "richtigen" Reise nicht in Frage, die gesamte Zeit an einem Ort oder gar in einem einzigen Resort zu bleiben. Sie führte mich 2017 nach Thailand. Im Übrigen der Anfang einer großen Liebe zu diesem Land, worüber ich zu einem späteren Zeitpunkt noch ausführlicher berichten werde.
Auch diese Reise habe ich aber im Reisebüro gebucht, ich war noch nicht so weit alles selber zu organisieren und wusste auch noch nicht, wie einfach es tatsächlich ist. Die Umstände vor Ort belehrten mich aber schnell eines Besseren.
Mein Ziel war Koh Samui, hier wollte ich 2 Nächte bleiben und dann nach Koh Phangan rüber, von wo aus ich dann auch Koh Tao erkunden wollte. Flüge, Transfer, Fähre und Unterkünfte buchte ich im Vorfeld für die gesamte Reise. Ich reiste allein, knüpfte aber vorher über eine Facebook-Gruppe Kontakte zu einigen anderen Leuten, die zur gleichen Zeit dort waren und mit denen ich mich dort treffen wollte.
Schon als ich auf Koh Samui ankam und mein Transferfahrer mit einem Schild auf dem mein Name stand, vor dem Flughafen auf mich wartete, fühlte sich das alles irgendwie völlig falsch an. Vor, hinter und neben mir verließen lauter fröhliche, sympathisch wirkende Menschen mit großen Rucksäcken den Flughafen; sie machten sich zu Fuß auf den Weg oder winkten sich Taxis heran. Außer mir zogen nur ältere Ehepaare, alleinreisende Männer mittleren Alters (*hust hust*) und Familien ihre Koffer in Richtung Shuttle-Transfer. Irgendwie kam ich mir total komisch vor; spießig und als hätte ich keine Ahnung was ich hier eigentlich tue.
Nachdem mich der Fahrer nach nichtmal 10 Minuten Fahrt an meiner Unterkunft absetzte war mir dann auch klar, dass ich mir diesen vorgeplanten Teil der Anreise hätte sparen können.
Die Unterkunft gefiel mir, auch wenn alles anders war als ich es mir vorgestellt hatte. Es war einfach - wie vieles in Thailand, mein Zimmer war schlicht, die Klimaanlage tropfte, aber ich hatte eine kleine Veranda und Blick auf den Pool, der nicht gereinigt war und in dem lauter Laub schwamm. Egal, ich war in Thailand! Nachdem mein Kopf dann auch richtig angekommen war und ich mit einer Tasse Instant-Kaffee auf der Veranda saß, dämmerte es mir bereits, dass ich mehr will. Mehr Freiheit, mehr Unabhängigkeit, mehr Abenteuer. Und ich wollte nicht die geplanten 2 Nächte auf Koh Samui bleiben, ich wollte direkt rüber nach Koh Phangan.

Also machte ich mich am nächsten Tag vorzeitig auf den Weg, ließ die verbliebene und bezahlte Nacht sausen, sowie den gebuchten Transfer auf die Nachbarinsel und begab mich auf eigene Faust zum
nächsten Fähranleger. Auf Koh Phangan hatte ich das Glück, dass in der Anlage, wo ich meine Unterkunft gebucht hatte, noch eine Bambushütte frei war, in die ich übergangsweise für eine Nacht ziehen konnte. Das ließ sich alles sehr unkompliziert vor Ort klären; das war ich natürlich aus Deutschland überhaupt nicht gewohnt aber ich merkte dadurch schnell, dass die Uhren hier anders ticken. Ab diesem Moment ließ ich mich nur noch treiben, ich machte mir nichts mehr aus meinen Plänen sondern ließ alles auf mich zukommen; auch Koh Tao erkundete ich nicht - da kam mir ein Hund dazwischen (auch darüber werde ich noch ausführlicher berichten) und es war okay so.

Ich traf tolle Menschen, nahm jeden Tag so an wie er kam und hatte zum ersten Mal ein richtiges Gefühl von Freiheit.
Ab dieser Reise wurde das Thema Backpacking für mich ein Ding. Durch die Menschen die ich in ihrem Verhalten und ihrer Art zu reisen beobachtete und kennenlernte, die Gegebenheiten vor Ort und den großen Wunsch nach freien und spontanen Entscheidungen wusste ich, dass ich ab sofort nie wieder so reisen wollen würde wie bisher. Es war das letzte Mal, dass ich einen Koffer für eine weite Reise packte; den gibts seitdem nur noch für kurze Trips.

Mein Fazit ist, dass viele gute Gründe für das Reisen mit Rucksack sprechen - die ich an anderer Stelle noch erläutern werde. Was aber viel wichtiger ist als die Art des Gepäckstücks, ist die Einstellung zu sich selber und zum reisen. Alles was ich bis heute auf meinen Reisen gelernt habe, die Menschen die mir begegnet sind und die Orte die gesehen habe, die Art wie ich das Leben der Einheimischen kennenlernen durfte - all das wäre nicht möglich gewesen, wenn ich mich nicht aus meiner Komfortzone begeben hätte. Den Koffer gegen einen Rucksack zu tauschen ist nur ein kleiner und fast zu vernachlässigender Schritt - es hat für mich vor allem praktische Gründe.
Der viel größere Schritt, aus dem so viel Neues und Spannendes erwächst ist der des Nichtplanens. Hab den Mut neue Wege zu gehen, lass alte Denkmuster und Ansprüche los; lerne zu verzichten und mit dir allein zu sein und du wirst am Ende nicht die große Katastrophe finden sondern nur eines: dich selbst in deiner vielleicht besten Version.



Dienstag, 5. Juni 2018

Rom in 5 Tagen - Tag 5/5

Und so beginnt er nun, dein letzter Tag in Rom. Wenn du dich an meine Tagestouren gehalten hast, hast du bis hierhin schon so viel gesehen, bist in mehr als 2000 Jahre Geschichte eingetaucht und hast viel mehr Hintergrundinformationen erhalten, als du in einem, handelsüblichen Touristenguide je hättest finden können.  Natürlich gibt es noch so viel mehr zu sehen, auch vieles was ich selber noch nie geschafft habe zu besuchen. Deswegen treibt es mich wohl auch immer wieder her…nur ein einziges Mal für 5 Tage nach Rom? Das geht nicht! Man braucht so viel Zeit um hier alles zu sehen und zu begreifen. Es gibt so vieles zu wissen, so viele Zusammenhänge. In Rom ist alles seit je her und auf ewige Zeiten miteinander verflochten, das hast du wahrscheinlich schon gemerkt. Deinen letzten Tag kannst du ungezwungen angehen und solltest dich nochmal so viel wie möglich draußen aufhalten. Noch ein letztes Mal die tolle Stimmung der Straßen Roms aufsaugen bevor es zurück nach Hause geht.

Kaiserforen

Als du im Forum Romanum warst, hast du sie schon von Weitem gesehen aber nun betrachten wir sie etwas genauer: die Römischen Kaiserforen. Welche Funktion und Bedeutung ein Forum hatte, habe ich ja bereits geschildert. Die Kaiserforen vor denen wir jetzt stehen sind im Grunde eine Erweiterung des Forum Romanums, welches zuerst da war. Die Kaiserforen sind erst gegen Ende der römischen Republik gebaut worden, denn das Kaisertum war nicht immer die vorherrschende Staatsform der Antike und zunächst gab es die römische Republik in der der Senat das Sagen hatte. 

Römische Kaiserforen

Mit der Etablierung des Kaisertums wurde der Bedarf an weiteren Foren deutlich. Die heutigen Kaiserforen bestehen aus vier einzelnen Foren, die aneinander anschließen: Cäsarforum, Augustusforum, Nerva-Forum und Trajansforum. Cäsar war von diesen Kaisern der erste, der der Forderung nach einem neuen und moderneren Forum nachgab und die Erweiterung begann. So wurden nach und nach weitere Foren angeschlossen und der Ausbau endete mit dem Trajansforum, dem zugleich größten und prächtigsten von allen. Es ist auch von allen am besten erhalten. Der Bau dieses Forums war ein Mammutprojekt, denn eigentlich war in dieser zentralen Lage kein Platz für das was sich Trajan vorstellte, auf den nahegelegenen Hügel wollte er mit seinem Forum allerdings auch nicht ausweichen und so entschied er sich, Teile des Hügels einfach abtragen zu lassen, sowie etliche umliegende Häuser einzuebnen, so dass der gewaltige Bau Platz fand.

Die Bögen die man heute noch sehen kann, sind die sogenannten Trajansmärkte. Auf insgesamt 6 Stockwerken gab es hier zahlreiche Läden und Tavernen. Es muss beeindruckend ausgesehen haben; der weiße Marmor, mit dem alles verkleidet war und davor all die bunten Waren: Gewürze, Stoffe und vieles mehr. Hundert Menschen die sich tummeln, Marktschreier, die ihre Produkte anpreisen.


Tranjansmärkte
Ein richtiges antikes Einkaufszentrum wenn man so will - eine Shopping-Mall. Aber es gab wohl auch Verwaltungseinheiten die hier untergebracht waren. Insgesamt alles sehr groß, sehr beeindruckend und sehr modern. Ab dem Mittelalter wurden die Trajansmärkte als Festung. Kloster oder Kaserne genutzt; heute befindet sich darin ein Museum in dem ich aber selbst auch noch nicht war.

Trajanssäule

Ein kleiner Blick nach links genügt und wir sehen das wohl beeindruckendste Überbleibsel des Trajanforums, und zwar die Trajanssäule. Sie steht heute immer noch unverändert  an ihrem ursprünglichen Aufstellungsort und ist eine Ehrensäule die 112/113 n.Chr. zu Ehren Kaiser Trajans errichtet wurde. Der römische Senat gab sie seinerzeit in Auftrag um Kaiser Trajan für seinen Ausbau der Foren zu würdigen. Im Vergleich zu anderen Säulen, derer es ja viele in Rom gibt, fällt hier direkt auf wie detailliert sie gestaltet ist. Die Säule ist mit einem umlaufenden Relief gestaltet, welches Kriegsszenen zeigt. Kaiser Trajan ist allein rund 60 mal in dem Relief dargestellt. Außerdem haben neuere Untersuchungen ergeben, dass es einst farbig ausgestaltet war, so wie fast alles aus der Antike – ich erzählte es bereits. 

 

Trajanssäule vor dem Nationaldenkmal Vittorio Emanuele II.
Und auch hier fällt es mir wieder schwer mir die Säule quietschebunt vorzustellen. Das einzige was an der Säule nicht mehr original ist, ist die Figur obendrauf; die hat im 16. Jahrhundert ein Papst draufgesetzt, nachdem die ursprüngliche Figur – eine goldene Statue Trajans- im Mittelalter eingeschmolzen und für irgendwas anderes wiederverwendet wurde. Typisch römisches Recycling eben.

Die Säule ist übrigens nicht aus einem Stück. Sie besteht aus mehreren übereinandergesetzten Blöcken, die ursprünglich bleiverplombt waren. Außerdem ist sie innendrin hohl und beherbergt eine Wendeltreppe, über die antike Besucher eine Plattform erreichen konnten von der aus sie einen guten Blick auf das anliegende Forum hatten. Zudem war im Sockel der Säule die Asche des Kaisers untergebracht. Heute kann man nicht mehr in der Säule hinaufsteigen; ich finde die Vorstellung auch irgendwie ziemlich beklemmend. Da die Menschen in der Antike aber wesentlich kleiner waren als heute, schien das kein Problem zu sein.

Aber es gibt an deinem letzten Tag noch eine andere Möglichkeit, ein letztes Mal über die Dächer Roms zu blicken, da du die Trajanssäule nicht hinaufkannst und sie dafür eh nicht mehr hoch genug ist, bzw. das heutige Rom ist viel zu groß für sie. Das Gebäude, welches dir aber einen tollen Ausblick über die Kaiserforen und das antike Zentrum bietet, ist nicht zu übersehen. Es befindet sich direkt gegenüber der Foren und wird von den Römern liebevoll „Die Schreibmaschine“ genannt wird – ein sehr passender Vergleich wie ich finde…

Monumento a Vittorio Emanuele II.

…das  Nationaldenkmal des Vittorio Emanuele II. Ich werde hier nicht viel darüber schreiben, weil ich auch nicht viel darüber weiß, außer dass das Monument dem ersten König des neugegründeten Königreichs Italien gewidmet war und nach seinem Tod in Auftrag gegeben wurde. Ich finde es hässlich – wie die meisten Römer übrigens auch, aber es erfüllt seinen Zweck, wenn man eine schöne Aussicht auf Rom haben will. Ich war einmal oben und wenn ich mich recht entsinne gibt es einen Aufzug und oben einen Gastronomiebetrieb. Schließe hier deine Reise bei einem Aperol Spitz ab und genieß ein letztes Mal die Aussicht bevor du dich auf den Weg zum Flughafen machen musst

 

Ich hoffe, dass dir mein kleiner Reiseführer gefallen hat. Ich selbst war zwar schon viele Male in Rom, habe aber immer noch so einige Punkte auf meiner Bucket List, die ich noch machen muss. Ich bin zum Beispiel noch nie die Via Appia gewandert oder in Ostia im Meer gewesen. Man kann wahrscheinlich sein halbes Leben in Rom verbringen und hat dennoch nicht alles gesehen.